Am Anfang jeden Jahres schlage ich ein neues Buch auf. Es ist leer. Und bevor ich einen Kalender hineinmale, suche ich nach einem Motto. Irgendetwas, das mir hilft, mich zu fokussieren – nicht auf Ziele, sondern auf mich selbst.
In diesem Jahr kamen mir drei Worte: Singen. Segeln. Schreiben.
Kein klassischer Motivationsspruch. Drei Bereiche, die in meinem Leben eine große Rolle spielen und die ich weiterentwickeln will. Sie sind mein Anker – und mein Abenteuer im Alltag.
Ich möchte Zeit dafür haben. Und ich möchte sie nicht wieder hergeben, wenn das Leben hektischer wird. Denn dazu neige ich. Ich mache große Pläne für mich und gebe sie dann auf, wenn die To-do-Liste des Alltags zu lang wird und ich in den Bewältigungsmodus umschalte. Aber Singen, Segeln und Schreiben erden mich. Sie helfen mir, mehr bei mir zu sein. Und wenn ich mehr bei mir bin, verliere ich auch nicht so leicht den Überblick.
Welche drei Worte wären deine? Welche Tätigkeiten erden dich? Was hilft dir, dich wie du selbst zu fühlen – und aus dem Hamsterrad auszusteigen?
Wer singt, hat keine Angst!
In den letzten Jahren habe ich viel mit Musikerinnen und Musikern zusammengearbeitet. Sie haben mir erklärt, welche positiven Auswirkungen das Singen auf den ganzen Körper hat. Unzählige Muskeln werden aktiviert. Nach 20 Minuten wird Dopamin ausgeschüttet. Und Singen ist auch bei Depressionen eines der wirksamsten Gegenmittel. Schon Luther sagte, nette Gesellschaft und Gesang hätten ihm am besten aus seiner Melancholie geholfen.
Beim Hirnforscher Gerald Hüther fand ich dann diese Erkenntnis: Singen und sich fürchten geschehen im gleichen Bereich im Gehirn. Aber diesen Bereich können wir nicht für beides gleichzeitig nutzen. Wer singt, kann nicht gleichzeitig Angst haben.
Seit ich das entdeckt habe, lege ich in meinen Fortbildungen noch größeren Wert darauf, Pädagog:innen darin zu bestärken, mit den Kindern zu singen. Zusammen mit vier Kirchenmusikerinnen habe ich ein Liederbuch für die Kita erarbeitet. Und das Musical, das ich zusammen mit Christiane Hrasky und Christian Domke geschrieben habe, steht genau unter diesem Gedanken von Gerald Hüther. Es erzählt die Geschichte von David – der in unserer Erzählung durch die Musik den Mut bekommt, gegen Goliath zu kämpfen und den Krieg zu beenden.
Als beim Kinderchortag zweihundert Kinder gemeinsam sangen: „Wer singt, hat keine Angst!“ – da hatte ich Gänsehaut.

Singen ist auch ein entscheidender Teil meiner Spiritualität. Wenn ich singe, fühle ich eine stärkere Verbindung zu Gott, als wenn ich spreche. Nur in der Meditation und auf dem Meer spüre ich das manchmal ebenso stark.
Singen kann nicht nur die Stimmung aufhellen, es kann das Leben verändern. Denn wer immer ein gutes Mittel gegen Angst dabei hat, führt ein anderes Leben. Ein freieres. Ein mutigeres. Ein Leben, in dem Platz für andere ist und für das ganz große oder viele kleine Abenteuer.
Du möchtest auch singen, aber traust dich nicht in den Chor?
Ich singe beim Kochen. Das kann ich sehr empfehlen. Einfach die Musik laut machen und schnippeln und brutzeln. Erst ein bisschen mitsummen, mit dem Fuß wippen – und irgendwann den Refrain mitsingen. Schiefe Töne fallen dabei gar nicht auf.
Auch das Auto ist ein guter Anfang. Da hört keiner zu. Zumindest wenn du alleine unterwegs bist. 😉

Segeln zwischen Himmel und Meer
Seit ich denken kann, zieht es mich zum Meer. Der weite Blick, das Rauschen beim Kommen und Gehen der Wellen, die blaue Farbe. All das berührt meine Seele. Am Meer bin ich ein anderer Mensch. Ruhiger. Gelassener. Aber auch ausgelassener. Unbeherrschter. Ich spüre Liebe zu mir und allen Menschen.
Dort kann ich freier atmen, meine Gedanken hören und auch hier wieder: meine Spiritualität fühlen. Mitten auf dem Ozean. Mehrere Tage von jedem Land entfernt. Da kannst du dich nicht mehr verstellen. Hier ahnst du, wie groß die Erde ist und wer du wirklich bist oder sein könntest. So ging es mir und so ging es auch vielen anderen Frauen, mit denen ich vor zwei Jahren auf dem Traditionssegler Roald Amundsen den Atlantik überquert habe.

Vor sechs Jahren bin ich das erste Mal auf dem Atlantik gesegelt und habe in der Nacht ein Schiff gesteuert. Immer auf diesen einen Stern zu. Das war ein Wendepunkt in meinem Leben. Seit dem versuche ich, Segeln zu lernen. Obwohl ich schon mehrere Ausbildungen gemacht und unzählige Kurse belegt habe, weil ich es liebe, Neues zu lernen, fällt mir das schwer. Ich mochte Physik in der Schule, aber hier überwältigt es mich. All die Kräfte, die auf das Schiff wirken, Wind und Strom, das Wetter, die Tide, die Verkehrsregeln und und und… Ich kämpfe mich seit fünf Jahren durch die Theorie, belege praktische Kurse, bin mehr als 6000 Seemeilen gesegelt und lege Prüfungen ab. Es ist schwer. Aber ich will es unbedingt. Jetzt trennen mich nur noch zwei theoretische Prüfungen und ein Trainings-Wochenende davon, selbst Segellehrerin zu werden und anderen mit ihren ersten Schritten zu helfen.
Auf dem Meer bin ich bescheiden. Ich weiß, dass ich noch viel zu lernen habe und überschätze mich nicht. Aber ich möchte es auch anderen leichter machen, diese Fähigkeiten zu lernen. Denn mir sind auf dem Weg erschreckend viele Männer begegnet, die Frauen nicht an der Pinne oder dem Steuerrad sehen wollen. Sie sollen Kaffee kochen und Leinen annehmen und über blöde Witze lachen.
Ich hoffe, ich kann bald meinen Teil dazu beitragen, dass besonders Mädchen und Frauen in meinem Alter sich trauen, etwas so Komplexes wie das Segeln zu lernen und ihren Platz auf dem Meer und in der Seefahrt zu beanspruchen.
Die Welt ist besser, wenn Frauen wie Männer an entscheidenden Stellen vertreten sind. Das gilt auch für Segelschulen und das offene Meer.
Du möchtest auch Segeln, aber traust dich nicht in eine Segelschule?
Das kann ich gut verstehen. Das ging mir auch lange so. Am besten fängst du erstmal an, anderen davon zu erzählen. Irgendjemand kennt immer jemanden, der ein Segelboot hat und gerne mal eine Anfängerin mitnimmt, um ihr das Segeln schmackhaft zu machen.
An vielen Segelschulen gibt es auch Schnuppertage oder Wochenenden. Da gehen alle davon aus, dass du keine Erfahrung hast und wenn du nette Segellehrer bekommst, kann das ein guter Einstieg sein.
Du hast die Erlaubnis zu schreiben
Seit vierzig Jahren lese ich, seit mehr als dreißig Jahren schreibe ich. Als Kind habe ich ganz frei geschrieben. Kurzgeschichten, Theaterstücke, Gedichte und Lieder. Irgendwann kommt dann die Zeit des Vergleichens und dann ist es schwerer. Denn die Werke eines Anfängers darf man unter keinen Unständen mit denen einer erfahrenen Autorin vergleichen. Das erstickt die Ambition. Das Ziel scheint so aussichtslos. Niemals werde ich so schreiben wie die große XY. Natürlich nicht. Und das ist auch gut so.
Das habe ich erkannt, als ich Stephen Kings Buch über sein Leben und sein Schreiben gelesen habe. Zwei Gedanken daraus finde ich besonders bemerkenswert. Zum einen spricht er die Erlaubnis zum Schreiben aus. Er schreibt: Hiermit hast du die Erlaubnis all das zu schreiben, was dein Herz begehrt. Stephen King hat es erlaubt! Was sollte dich nun noch aufhalten?
Zum anderen hat er die Theorie, dass Schreibende alle 100.000 Worte einen großen Sprung machen und ihre Fähigkeiten entscheidend verbessern. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: ich musste noch gar nicht perfekt sein. Ich musste einfach nur weiter schreiben.
Und so schrieb ich. Tagebücher, Geschichten, Lieder, Morgenseiten, Predigten, Radioandachten, Briefe und Newsletter. Mehr als zehn veröffentlichte Bücher später und noch viele unfertige Manuskripte in der Schublade: ich schreibe einfach immer weiter. Völlig ungeniert.
Dabei habe ich so viel gelernt und noch mehr erfahren. Das möchte ich weiter geben. Denn das Schreiben kann auch dir helfen, das loszuwerden, was auf deinen Schultern lastet. Die Geschichte zu erzählen, die du schon seit Jahren in dir trägst. Das Wissen weiterzugeben, das in dir steckt.
Schreiben befreit. Es hilft, die Seele zu beruhigen und andere Welten zu schaffen. Es ermöglicht dir, Abstand und Deutungshoheit über das zu erlangen, was dir passiert ist. Es hilft dir, ein Abenteuer zu erleben, auch wenn du dich gerade an einem Ort befindest, den du nicht verlassen kannst.
Schreiben ist pure Magie.
Diese Magie kannst du nutzen! Schlag dein Notizbuch auf und stell dir eine Eieruhr. Dann schreibe für zehn Minuten alles auf, was dir zu den folgenden Fragen einfällt: Wofür brauchst du eine Erlaubnis? Was möchtest du in deinem Leben haben (oder mehr davon haben), damit es sich abenteuerlich und lebenswert anfühlt? Es gibt zwei Regeln für diese Übung! 1. Der Stift soll nicht still stehen. Einfach immer weiterschreiben und 2. nichts bewerten, was du aufgeschrieben hast. Einfach nur schreiben.
Wenn du das Schreiben tiefer erkunden möchtest – und endlich das angehst, was du schon lange in dir trägst – , schau dir gerne meinen Schreibkurs „Leinen los“ an! In sieben Tagen begleite ich dich dabei, loszuschreiben. Nicht perfekt. Aber echt.



