Antoinette Lühmann

Märchen im Alltag: Warum wir diese alten Geschichten heute noch brauchen

Ich stehe in einer Grundschulklasse. Die Kinder sind laut und unruhig, die Lehrerin ermahnt, kramt, wird selbst ungeduldig. Ein ganz normaler Vormittag.

Dann fange ich an zu erzählen.

Keine Spezialeffekte. Kein Kostüm. Nur meine Stimme – und eine kleine Kugel in meiner Hand, die leise klingelt. Und dann passiert, was ich jedes Mal erlebe, wenn ich anfange zu erzählen: Die Kinder werden mucksmäuschenstill. Offene Münder. Große Augen. Sie gehen mit – bei der Spannung, bei der Freude, bei der Angst. Als würde die ganze Klasse gemeinsam atmen.

Am Ende der Klang der Kugel. Das Märchen ist zu Ende. Die Kinder dürfen wieder reden.

Einen Moment bleibt es still.

Dann schießen die Finger in die Höhe. Fragen. Sie wollen wissen, wie es weitergeht, wie es mit dem Jungen und seinem Vater weitergeht.

Die Lehrerin schaut mich an und sagt leise: „Sie haben so eine schöne Stimme. Ich bin ganz eingetaucht. Diese Stimme hätte ich gerne jeden Abend im Ohr – da könnte ich den Tag loslassen und mal meinen eigenen Träumen folgen.“

Ich sah sie an und dann hatte ich eine Idee. Ich könnte die Märchen aufnehmen. Das hatte ich für meine Kinder auch schon gemacht. Sie hören gerne meine Stimme zum Einschlafen, auch wenn ich nicht da bin. So entstand die Idee zu meinem Märchen-Podcast. Denn genau das wollte ich schenken: meine Stimme und den Raum, den die Märchen öffnen – für alle, die ihn brauchen.

Ich bin Antoinette Lühmann – Märchenerzählerin, Kinderbuchautorin mit über zehn veröffentlichten Büchern (u. a. im Coppenrath Verlag) und Kommunikationstrainerin. Ich erzähle Märchen in Schulen, Gemeinden und Schreib-Kursen – und seit 2024 in meinem Märchen-Podcast. Und ich frage mich immer wieder: Warum haben wir Märchen aus unserem Alltag verbannt? Und was verlieren wir dabei?

Was Märchen mit unserem Gehirn machen


Bruno Bettelheim hat es schon 1976 in seinem Klassiker „Kinder brauchen Märchen“ beschrieben: Märchen sprechen zu Schichten in uns, die kein Ratgeber erreicht. Sie umgehen den Verstand – und landen direkt im Gefühl.

Das ist keine Magie. Das ist Neurologie.

Geschichten aktivieren andere Hirnregionen als Fakten und Listen. Wenn wir eine Geschichte hören, erleben wir sie – nicht nur im Kopf, sondern im Körper. Puls, Atem, Spannung.

Auch Gerald Hüther mahnt die Schulen immer wieder: Erzählt den Kindern Märchen. Denn was die Kinder sich vorstellen können, das können sie auch tun. Das Erzählen stärkt nicht nur die Bindung zwischen Erwachsenen und Kindern, sondern es hilft dem Gehirn, den eigenen Handlungsspielraum zu vergrößern. Das ist so wichtig.

Genau das erlebe ich jedes Mal wieder: Märchen helfen den Menschen, mehr als das zu sehen, was vor Augen ist. Märchen stärken die Empathie, weil wir uns in die Figuren hinein versetzen und sie geben uns Symbole, um Gefühle die wir nicht ganz verstehen, endlich zu benennen.  

Drei Märchen-Rituale, die wirklich funktionieren


Du musst dafür weder ins Theater noch zu einem Märchenabend fahren. Drei kleine Rituale, die ich selbst nutze und weitergebe:

1. Das Märchen am Morgen

Statt Nachrichten: fünf Minuten mit einem Märchen beginnen. Nicht analysieren, nicht interpretieren. Einfach lesen oder den Kopfhörer aufsetzen und zuhören. Und dann kurz innehalten: Welches Bild bleibt hängen? Welche Figur hat dich angesprochen?

Das Märchen spricht Gefühl und Verstand an und du startest mit mehr Tiefe und Zuversicht in den Tag.

2. Der märchenhafte Spaziergang

Draußen spazieren gehen – und mit dem Blick einer Märchenheldin schauen. Was bedeutet der Gesang dieses Vogels? Was steckt in diesem alten Baum für ein Geheimnis? Das klingt verspielt. Ist es auch. Und macht etwas mit dem Kopf, das schwer zu erklären, aber leicht zu erleben ist. 

Die Welt ist voller Geschichten und sie zu suchen, hilft deinem Gehirn, neue Bahnen anzulegen und dadurch auch Probleme besser zu lösen. 

3. Abends eine kleine Geschichte erzählen

Nicht vorlesen – erzählen. Deinem Kind, deiner Partnerin, dir selbst. Einfach aus dem Stegreif, ganz unfertig. Starte mit “Es war einmal”, wenn dir kein anderer Anfang einfällt. Geschichten erzählen ist ein Muskel, der trainiert werden kann. Eine unfertige oder „langweilige” Geschichte ist besser als keine. Du kannst sie später noch überarbeiten und verändern.

Das sage ich übrigens auch in meinem Gute-Nacht-Geschichten-Kurs, in dem ich Eltern und Großeltern begleite, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Weil das Erzählen etwas verändert – in uns und in unseren Beziehungen.

[→ Mehr dazu: Gute-Nacht-Geschichten-Kurs

Was Märchenfiguren uns heute noch beibringen

Rapunzel lässt sich nicht retten – sie geht ihren eigenen Weg. Das Aschenputtel wartet nicht passiv – es sortiert Linsen und handelt. Rotkäppchen läuft ein zweites Mal in den Wald, diesmal mit offenem Blick.

Märchenheldinnen geben nicht auf. Sie handeln trotz Angst, sie suchen Hilfe, sie vertrauen auf das Gute.

Das ist kein kindlicher Eskapismus. Das ist emotionale Bildung.

Ich sage das als jemand, der Menschen in Umbruchzeiten begleitet – sowohl als Pastorin als auch als Märchenerzählerin. Wenn Worte nicht mehr greifen, hilft manchmal schweigen und manchmal eine Geschichte. Nicht weil sie eine Antwort gibt. Sondern weil sie Bilder anbietet, die den Raum für Gespräche wieder öffnen können.

Bruno Bettelheim nannte das die „existentielle Funktion“ der Märchen: Sie helfen uns, innere Kämpfe symbolisch durchzuarbeiten – sicher, in der Distanz der Fiktion. Auch Gerald Hüther betont, dass dieses innere Durchdenken unseren Handlungsspielraum erweitert. Denn das Gehirn macht keinen Unterschied zwischen den Dingen, die wir uns vorstellen und denen, die wir wirklich erleben.

Märchen erleben – nicht nur lesen

Das gesprochene Märchen ist etwas anderes als das gelesene. Die Stimme, der Rhythmus, das gemeinsame Atmen im Raum – das hat eine Qualität, die kein Buch replizieren kann.

Die Lehrerin damals hatte das gespürt, ohne es benennen zu können. Es ist diese Qualität, die ich mit dem Märchen-Podcast weitergeben wollte: Geschichten hören, zum Einschlafen, Träumen und Umdenken – ohne Aufwand, einfach reinhören.

Märchenpodcast hören

Fazit

Märchen sind keine Flucht aus der Realität. Sie sind eine Rückverbindung zu dem, was wir wirklich brauchen: Sinn, Staunen und innere Stärke.

Manchmal braucht es dafür nur fünf Minuten. Ein Märchen. Eine Tasse Tee. Und die Bereitschaft, sich von einer Geschichte überraschen zu lassen.

Welches Märchen hat dich als Kind begleitet? Und welches begegnet dir heute noch? Ich freue mich, wenn du mir davon erzählst – in den Kommentaren oder per Mail.

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