Antoinette Lühmann

Gute-Nacht-Geschichte vorlesen: 5 Gründe, warum dein Kind sie jeden Abend braucht

Jeder Kinderbuchverlag hat Gutenachtgeschichten. Sie werden von Eltern und Großeltern gekauft und gerne verschenkt.

Das hat einen Grund: Rituale am Abend helfen, die Ereignisse des Tages zu verarbeiten und gestalten den Übergang zwischen Tag und Nacht. Eines der wichtigsten Rituale am Abend ist die Gutenachtgeschichte.

Als Autorin von mehr als zehn Büchern — darunter viele Bilderbücher und Abenteuerromane bei Coppenrath und weiteren deutschen Verlagen — und als Mutter von vier Kindern kenne ich beide Seiten dieser Geschichte: die des Schreibens und die des Vorlesens. Ich habe beobachtet, was Geschichten mit Kindern machen. Jeden Abend. Über viele Jahre.

Hier sind 5 Gründe, warum jedes Kind am Abend eine Gutenachtgeschichte hören sollte. Am besten live und in Farbe!

1. Das Vorlesen stärkt die Bindung zwischen Eltern und Kind

Wir wollen alle nur das Beste für unsere Kinder. Aber all das Erziehen und die guten Ratschläge brauchen eine Basis: die Bindung zwischen Eltern und Kind.

Diese Bindung kann durch ganz unterschiedliche Dinge gestärkt werden. Das Trösten bei Verletzungen, Zuhören, wenn das Kind etwas berichten will, ernst nehmen, wenn es Kummer oder Angst hat.

Das Vorlesen einer Geschichte erschafft eine besondere Nähe. Meistens möchten die Kinder auf dem Schoß oder ganz dicht neben uns sitzen. So können sie die Bilder des Buches sehen und sich anlehnen, wenn es zu spannend wird. Das erzeugt ein Gefühl von Geborgenheit.

Wiederholt sich diese Situation jeden Abend, stärkt es die Erfahrung des Kindes: Am Abend wird alles gut. Was auch immer passiert ist. Abends sitzen wir auf dem Sofa oder im Kinderbett und lassen die Aufregungen des Tages los. Wir tauchen in eine Geschichte ein und wir sind zusammen.

Das stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein des Kindes, sondern auch die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Das gilt natürlich auch für Omas und Opas oder andere Bezugspersonen.

Rituale wie das Vorlesen stärken das Selbstvertrauen und die Bindung.

2. Das Vorlesen fördert die Sprachentwicklung

Das Hören von Geschichten erweitert immer den Wortschatz des Kindes und verbessert das Sprachverständnis. Das gilt nicht nur für neue Wörter, die auftauchen — wie zum Beispiel der Name von Tieren oder Baufahrzeugen. Durch das wiederholte Vorlesen prägen sich dem Kind die Muster der Sätze ein. Kinder entwickeln ein Gefühl für die Melodie der Sprache. Meist können sie sehr schnell einzelne Sätze mitsprechen und nutzen sie auch am Tag.

Besonders sind dabei Geschichten, die sich reimen. Durch ihren Rhythmus unterstützen sie die Entwicklung des Gehirns. Die sensible Phase für den Spracherwerb geht bis zum 7. Lebensjahr.

Als ausgebildete Märchenerzählerin — ich habe meine Ausbildung auf dem Märchenhof Rosenrot, einem Institut für Erzählkunst, gemacht, inklusive der therapeutischen Dimension alter Geschichten — weiß ich: Es ist nicht nur der Inhalt, der zählt. Es ist der Klang. Die Wiederholung. Der Rhythmus. Kinder, denen täglich vorgelesen wird, entwickeln ein feines Gespür für Sprache — lange bevor sie selbst lesen können.

3. Das Vorlesen fördert die kognitive und emotionale Entwicklung

Neben der Förderung der Sprachentwicklung regt das Vorlesen von Geschichten auch die Fantasie an. Kinder erfinden verschiedene Handlungsverläufe und überlegen sich alternative Enden. Das wird ihnen später helfen, Probleme zu lösen. Sie fühlen sich auch in Nebencharaktere ein und überlegen, wie sie sich fühlen. Das fördert ihre Empathie.

All das unterstützt die Entwicklung der Kreativität — und die wird in der Zukunft eine entscheidende Fähigkeit sein, um die Probleme dieser Welt zu lösen. Das Zeitalter der Industrialisierung ist vorbei. Wir brauchen keine Arbeitsbienen mehr, sondern empathische, kluge Menschen, die gewohnt sind, Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Beim Zuhören trainiert das Kind auch seine Konzentration und seine Geduld. Selbst wenn Kinder am Tag sonst eher unruhig sind, gelingt ihnen beim Zuhören oft eine ungewöhnliche Ruhe und Aufmerksamkeit. Sie trainieren ihr Gedächtnis, achten darauf, an welcher Stelle gestern aufgehört wurde — und merken genau, wenn wir beim Vorlesen aus Versehen oder absichtlich einen Satz verdrehen oder auslassen.

All das unterstützt die kognitive und emotionale Entwicklung des Kindes.

4. Ein beruhigendes Ritual für den Tagesabschluss

Bei all den Vorteilen nimmt die Gute-Nacht-Geschichte beim Vorlesen noch eine besondere Rolle ein. Eine Geschichte signalisiert dem Kind, dass es Zeit ist, zur Ruhe zu kommen und den Tag hinter sich zu lassen. Das feste Ritual hilft, einen klaren Übergang von der aktiven Tageszeit zur Entspannung und schließlich zum Schlaf zu finden. Durch die Wiederholung wird das Einschlafen erleichtert und Stress vor dem Zubettgehen reduziert.

Dabei verbindet das Vorlesen die positiven Auswirkungen des Körperkontakts oder der Nähe zu einem vertrauten Erwachsenen mit den Vorteilen, die Geschichten mitbringen.

Gute-Nacht-Geschichten gehen immer gut aus und helfen dem Kind, das Vertrauen in die Welt zu stärken. In der Nähe der Eltern wird die Erfahrung gemacht: Auch nach den aufregendsten Tagen — der Einschulung, dem Geburtstag, einem Umzug — ist am Abend eines immer sicher.

Deshalb wünschen sich Kinder manche Geschichten auch hunderte oder tausende Male. Während uns Erwachsenen diese Geschichten zu den Ohren rauskommen und einige Seiten schon überwiegend mit Klebeband bedeckt sind, hören die Kinder die Geschichten mit der gleichen Aufmerksamkeit wie beim ersten Mal. Sie flüstern die magischen Worte ihrer Lieblingssätze. Sie müssen sich immer wieder versichern.

So bauen sie ihr Selbstbewusstsein auf und geben jedem Tag einen würdigen Abschluss: Zuversicht.

5. Geschichten vermitteln Werte und Lebenskonzepte

Gute-Nacht-Geschichten enthalten oft moralische Botschaften oder einfache Lektionen, die das Kind auf spielerische Weise lernen kann. Sie bieten die Gelegenheit, über Freundschaft, Mut oder Trauer zu sprechen und diese Werte gemeinsam zu reflektieren.

Durch das Erzählen solcher Geschichten wird das Kind auf wichtige soziale und emotionale Themen aufmerksam gemacht — und bekommt eine Sprache dafür. Wenn Kinder dann diese Gefühle in anderen Zusammenhängen erleben, können sie sie mit den Erfahrungen abgleichen, die sie in der Geschichte gemacht haben.

Ganz richtig gehört: Die Unterscheidung von Geschichten und Realität entwickelt sich erst am Ende der Kindergartenzeit. Bis dahin ist alles magisch — und eben gleichzeitig auch sehr real.

Manche Lebenskonzepte oder Themen werden in den Kinderbüchern der großen Verlage noch nicht umfassend abgedeckt. Wenn du möchtest, dass deine Kinder mit einer Geschichte einschlafen, in der das Kind von zwei Vätern ins Bett gebracht wird, in einer Patchworkfamilie lebt oder auf einer kleinen Nordseeinsel groß wird — dann könnte das genau die Geschichte sein, die du selbst schreiben solltest.

Gute-Nacht-Geschichten sind das Superfood für die Beziehung zu deinem Kind

Verpasse die Gelegenheit nicht, dein Kind auf seinem Weg zu unterstützen. Zur Not geht es auch mal mit einer Geschichte aus der Dose — aber dann hast du nur die Hälfte abgeschöpft von dem, was eine vorgelesene Gute-Nacht-Geschichte für dein Kind tun kann.

Am besten wirken Gute-Nacht-Geschichten live und in Farbe!

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