Antoinette Lühmann

Was ist ein Protagonist – und warum diese Frage deine Geschichte verändert

Rotkäppchen geht durch den Wald. Sie verlässt das Elternhaus, wagt sich auf unbekannte Pfade, begegnet dem Wolf. Ihre Geschichte handelt vom Mut, die gewohnten Wege zu verlassen.

Aber was, wenn die Großmutter die Protagonistin wäre? Oder der Wolf?

Dieselben Ereignisse. Dieselbe Geschichte. Und trotzdem: drei vollkommen verschiedene Geschichten.

Das ist die Macht des Protagonisten.

Was ist ein Protagonist?

Ein Protagonist oder eine Protagonistin ist die Hauptfigur einer Geschichte. Die Person, um die es geht – auch wenn rundherum noch viele andere Figuren auftauchen.

Das klingt einfacher, als es ist. Denn die Wahl des Protagonisten verändert alles: Welche Szenen erzählst du? Was steht im Mittelpunkt? Was fühlt die Leserin?

Als Autorin, die mehr als zehn Bücher in großen deutschen Kinderbuchverlagen veröffentlicht hat, ist die Frage nach dem Protagonisten eine der ersten, die ich bei jedem neuen Projekt stelle. Nicht irgendwann – sondern ganz am Anfang. Denn sie entscheidet über alles, was danach kommt.

Wann entscheidet man, wer der Protagonist ist?

Der Protagonist bestimmt die Frage, um die die Geschichte kreist.

Beim Rotkäppchen ist das Mädchen die Hauptfigur – also erleben wir den Wald durch ihre Augen, ihre Neugier, ihre Naivität. Die Großmutter kommt vor, aber wir erfahren nur, dass sie krank ist und wartet. Der Jäger taucht auf, aber wir wissen nicht, was ihn durch den Wald getrieben hat und was ihn heute beschäftigt.

Die Geschichte der Großmutter wäre eine andere. Die des Wolfes sowieso.

Deshalb lohnt es sich, diese Frage früh zu stellen: Wessen Geschichte erzählst du eigentlich?

Wie viele Protagonistinnen kann eine Geschichte haben?

Die meisten Geschichten haben eine Hauptfigur. Das ist kein Zufall – eine Perspektive gibt der Leserin Halt. Sie weiß, wem sie folgt.

Es kann aber auch reizvoll sein, zwei oder mehr Protagonistinnen zu wählen. Gerade in Liebesgeschichten macht es oft Sinn, beiden Hauptpersonen gleich viel Raum zu geben. Das erzeugt Spannung – weil wir die Situation aus zwei verschiedenen Blickwinkeln erleben.

Wenn du für kleinere Kinder schreibst, empfehle ich meist eine, maximal zwei Perspektiven. Ein Wechsel kann schnell überfordern.

Ich habe das am eigenen Buch erlebt: Eine Leserin hat mir geschrieben, dass sie viel lieber bei der Perspektive der Hauptfigur geblieben wäre – und sich gar nicht für den Bösewicht interessiert hat. Das erinnert mich daran, dass jede Wahl etwas kostet und dass vieles auch Geschmacksache ist. Du kannst es nie allen recht machen. Den einen habe ich die Möglichkeit gegeben, tiefer in die Geschichte einzusteigen und die anderen habe ich mit der Perspektive des Bösewichts eher gestresst, weil sie in seine Gedanken gar nicht tiefer eintauchen wollten.

Sind Perspektive und Protagonist immer dasselbe?

Nein. Und das ist ein Unterschied, der sich lohnt zu verstehen.

Der Protagonist ist die Hauptfigur. Um seine Frage kreist die ganze Geschichte. Wird sich Rotkäppchen an die Anweisungen der Mutter halten und auf dem Weg bleiben? Was passiert, wenn sie es nicht tut? Die Perspektive ist der Blickwinkel, aus dem erzählt wird.

Beides kann übereinstimmen – und tut es oft. Wenn wir ganz nah an einer Figur sind und nur ihre Gedanken kennen, spricht man von einer personalen Erzählperspektive. Wir sind quasi in ihrem Kopf.

Aber es geht auch anders: Ein auktorialer Erzähler zoomt weit heraus. Er schildert das Leben mehrerer Figuren, kennt Gedanken von Personen, die der Protagonist vielleicht gar nicht zu Gesicht bekommt. Die Hauptfigur ist noch da – aber die Kamera ist weiter weg.

Welche Perspektive du wählst, verändert die Nähe und auch die Art, wie Geschichte erzählt wird. Die Nähe verändert, wie sehr die Leserin mitfühlt. Aber es verändert auch die erzählerischen Möglichkeiten. Spannung zum Beispiel kann sehr gut aufgebaut werden, wenn man zwischen den Figuren hin und her springt und erzählt, was sie gerade erleben und welche Herausforderungen ihnen im Weg stehen.

Brauchst du Protagonisten nur für Bücher?

Nein. Die Frage nach dem Protagonisten und der Protagonistin ist genauso wichtig, wenn du Marketingtexte schreibst, einen Blogartikel verfasst oder ein Video drehst.

Auch dort entscheidest du: Wer ist die Hauptfigur?

Du kannst dich selbst zur Protagonistin machen – und von deinem eigenen Weg erzählen. Du kannst aber auch dein Gegenüber in den Mittelpunkt stellen: eine fiktive Wunschkundin oder eine ehemalige Klientin, die den Weg schon gegangen ist. Dann wird sie zur Hauptfigur – und du erzählst ihre Heldenreise.

Beides funktioniert. Die Frage ist, welche Geschichte du gerade erzählen willst. Und wessen Perspektive deiner Leserin am nächsten ist.

10 Gebote des Schreibens

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