Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich meine ersten Manuskripte für Kinderbücher verschickt habe. Briefumschläge, handschriftlich beschriftet, die Texte drin auf ausgedruckten Seiten. Und dann das Warten. Wochenlang.
Heute ist vieles einfacher, aber manches ist genauso schwer und wird es auch bleiben. Wirklich originelle Geschichten mit Tiefe und Herz musst du weiter selber schreiben, das nimmt dir keine KI ab. Aber durch das Internet tappst du nicht mehr im Dunkeln und kannst die Erfahrungen anderer Autorinnen nutzen und ein paar Abkürzungen nehmen.
Ich habe fast 20 Bücher und Hörspiele in deutschen Verlagen veröffentlicht, darunter 7 Bilderbücher und Pappbilderbücher im Coppenrath Verlag. Und ich teile hier, was ich dabei gelernt habe — in neun Schritten, die wirklich funktionieren.
1. Lies Bilderbücher. Viele.
Das ist der wichtigste Schritt. Überspring ihn auf keinen Fall.
Es reicht nicht, dass du früher mal ein Bilderbuch hattest. Du musst die Form kennen, bevor du sie selbst füllen kannst. Goethe hat einmal sinngemäß gesagt: Ich hatte keine Zeit, dir einen kurzen Brief zu schreiben – deshalb schreibe ich dir einen langen. Das gilt auch hier. Auf den Punkt zu kommen ist schwerer als zu schwafeln. Und in einem Bilderbuch hast du keinen Platz zum Schwafeln. Jedes Wort muss sitzen.
Lies also Unmengen Bilderbücher. Mach dir verschiedene Stapel: Was hat dich begeistert? Was hat dich kalt gelassen? Was war langweilig, was verstörend? Und dann lies die Texte, die dir gefallen haben, laut vor. Fällt dir etwas auf? Funktionieren sie noch, wenn du sie hörst?
2. Kenne deine Zielgruppe
Im Netz kursieren viele Tabellen: Mit fünf mögen Mädchen Prinzessinnen, Jungen mögen Ritter, und so weiter. Das stimmt manchmal — aber Kinder sind genauso individuell wie Erwachsene.
Wenn du kannst, frag mal ein Kind aus deiner Zielgruppe, wofür es sich gerade interessiert. Die großen Themen bleiben immer ähnlich, aber der Fokus verändert sich. Kinder wollen meistens die großen Fragen bedenken, an die Erwachsene sich kaum rantrauen. Und überleg dir auch: Was hat dich als Kind beschäftigt? Was für Geschichten mochtest du?
3. Denke Vielfalt
Noch immer gibt es Bilderbücher, in denen die Jungs die Mädchen retten, alle Kinder weiße Haut haben und die Berufe klar aufgeteilt sind. Das muss sich verändern.
Natürlich kann ein Mädchen Tierärztin werden. Aber öffne nicht alle Klischeeschubladen auf einmal. Kindertagesstätten haben heute Qualitätsstandards, die Vielfalt einschließen — und Bücher, die das abbilden, werden gebraucht. Komm auf die helle Seite und lass die meisten Klischeeschubladen geschlossen.
4. Wähle eine Idee
Du brauchst eine Hauptfigur und einen Konflikt. Nicht mehr — aber auch nicht weniger.
Die Hauptfigur muss vor eine echte Entscheidung gestellt werden. Etwas, das sie wirklich etwas kostet. Denn nur dann entsteht eine Geschichte, die Kinder fesselt und Eltern gerne vorlesen. (Wie du herausfindest, wessen Geschichte du eigentlich erzählst, erkläre ich ausführlicher in → Was ist ein Protagonist? https://antoinetteluehmann.com/was-ist-ein-protagonist/)
Und woher kommt so eine Idee überhaupt? Meistens kann man sich gar nicht mehr retten vor Ideen, wenn man einmal gelernt hat, sie zu finden. Wie du aus einem ersten Gedanken ein echtes Buchprojekt fütterst, beschreibe ich in diesem Blogartikel → Ideen füttern.
5. Entwickle den Handlungsbogen
Was soll alles passieren, bevor das gute Ende kommt?
Denke an drei Teile: Die Hauptfigur wird vorgestellt. Ein Problem taucht auf. Das Problem wird gelöst — möglichst überraschend. Eine Möglichkeit, das zu strukturieren: Schreib deine Ideen auf Karteikarten und schieb sie so lange hin und her, bis sie eine Geschichte ergeben. Klingt einfach — und ist doch ein kraftvoller Prozess.
Plane dabei am besten gleich in Doppelseiten. Ein Bilderbuch wird nicht als durchgehender Text geschrieben, sondern Seite für Seite gedacht — jede Doppelseite trägt einen Moment der Geschichte. Wenn du dein Manuskript so aufteilst, siehst du viel früher, ob deine Geschichte in diesem Rhythmus überhaupt atmen kann.
6. Beachte die Formalitäten
Bilderbücher haben Regeln. Nicht um der Regeln willen — sondern weil die Form dem Kontext folgt, in dem sie gelesen werden. Bilderbücher werden meistens gemeinsam angeschaut: am Abend vor dem Einschlafen, im Wartezimmer, auf langen Autofahrten. Sie werden oft unterbrochen. Deshalb darf kein Text überladen sein. Kurz, klar, rhythmisch.
Wenn die Kinder etwas älter werden, werden die Texte länger und die Themen verschieben sich. Aber das Grundprinzip bleibt: schreib für die Situation, in der dein Buch gelesen wird.
7. Überarbeite gründlich
Wenn die Geschichte fertig ist, fängt die eigentliche Arbeit an.
Zuerst: Rechtschreibprüfung. Dann unbedingt laut vorlesen — du wirst Sätze hören, die auf dem Papier gut aussehen, aber beim Vorlesen holpern. Dann lass den Text mindestens eine Woche liegen. Wenn du ihn danach wieder liest, siehst du ihn mit frischen Augen.
Und dann: Gib den Text in andere Hände. Eine Lektorin, eine vertraute Leserin, jemand, der dir ehrlich sagt, was funktioniert und was nicht. Bei einer Verlagsveröffentlichung übernimmt das die Lektorin. Wenn du selbst veröffentlichst, such dir professionelle Unterstützung — zum Beispiel über Autorennetzwerke wie die Autorenwelt.
8. Denke an die Bilder
Text und Bild arbeiten zusammen — aber sie sollen nicht dasselbe sagen.
Was auf dem Bild zu sehen ist, sollte nicht genau so im Text beschrieben werden. Im besten Fall zeigen die Bilder etwas, das über den Text hinausgeht — eine zweite Ebene, ein Schmunzeln für die Eltern, ein Detail, das die Kinder beim zweiten Lesen erst entdecken.
Wenn du dich bei einem Verlag bewirbst, schickst du als Autorin immer nur den Text. Der Verlag entscheidet, welche Illustratorin passt. Verlage arbeiten mit festen Illustratorinnen zusammen und denken in Gesamtprogrammen — ein Verlagsprogramm ist ein Gesamtkunstwerk.
Dein Text kommt in diesem Prozess mehrmals zu dir zurück. Sobald der Text fertig ist, beginnt die Illustration. Wenn die ersten Skizzen fertig sind, bekommst du eine Übersicht und darfst noch einmal draufschauen. Und genau hier kannst du dein Fachwissen einbringen, auf das sonst niemand achtet: Bei einem meiner Bücher war das Innere einer Kirche zu sehen — mit roten Kerzen. Aber in einer Kirche stehen keine roten Kerzen, die gehören auf den Adventskranz. Solche Details sieht nur, wer mit dem Thema vertraut ist.
Ansonsten hast du als Autorin kaum Einfluss auf die Bilder — und das ist auch richtig so. Illustrator:innen und vor allem die Redakteur:innen haben dafür einen sehr geschulten Blick: wie sich kleine Details mit großflächig angelegten Illustrationen oder kleinen Vignetten abwechseln, wie eine Doppelseite atmet. Da mischen wir uns als Autor:innen in der Regel nicht ein — es sei denn, wir haben selbst einen Hintergrund im Zeichnen und sind dafür ausgebildet.
Wenn du im Selbstverlag veröffentlichst, kannst du die Bilder selbst gestalten oder eine Illustratorin beauftragen.
9. Veröffentliche — und feier es
Wenn alles bereit ist, wird das Buch veröffentlicht. Bei einem Verlag besprichst du letzte Änderungen und bekommst die ersten Illustrationen zu sehen — ein unvergesslicher Moment. Wenn du selbst veröffentlichst, wählst du eine Plattform, entscheidest über ISBN und Rechte.
Und dann: Bestell dir ein Exemplar. Lies es dir selbst vor. Und freu dich darüber, dass du dieses Projekt zu Ende gebracht hast.
Das ist keine Kleinigkeit. Die meisten Menschen, die sagen, sie wollen ein Buch schreiben, schreiben keins. Du hast es getan.
Du möchtest ein Buch schreiben — endlich anfangen, deinen Traum zu verwirklichen? In meinem Kurs Leinen los begleite ich dich in sieben Tagen durch den ersten Schritt: loslegen, schreiben, deine Geschichte in Worte fassen.
Häufig gestellte Fragen zum Bilderbuch schreiben
Wie viele Wörter oder Seiten hat ein Bilderbuch?
Die meisten Bilderbücher haben zwischen 24 und 48 Seiten, aufgeteilt in Doppelseiten. Der Text selbst ist oft deutlich kürzer, als Einsteigerinnen denken — manchmal nur wenige hundert Wörter. Das ist auch der Grund, warum Schritt 5 so wichtig ist: Du denkst in Doppelseiten, nicht in Kapiteln.
Was verdient man mit einem Bilderbuch?
Das lässt sich pauschal nicht sagen — es hängt stark vom Verlag und von der Art des Buches ab, ob Pappbilderbuch oder klassisches Bilderbuch. Bei einer Verlagsveröffentlichung wird das Honorar vertraglich geregelt und meist zwischen Text und Illustration aufgeteilt. Im Selfpublishing trägst du selbst die Kosten für Lektorat, Illustration und Druck, behältst dafür aber eine höhere Marge pro verkauftem Exemplar.
Verlag oder Self-Publishing — was passt zu mir?
Bei einem Verlag musst du nicht in Vorleistung gehen, hast dafür aber weniger Kontrolle über Bild und Zeitplan. Im Selfpublishing entscheidest du alles selbst — trägst aber auch alle Kosten und die gesamte Organisation.
Worauf sollte ich im Vertrag achten?
Kläre, wer die Rechte für digitale Verwertung oder Hörbücher bekommt — das wird gerne übersehen. Und frag nach, was passiert, wenn dein Buch irgendwann vergriffen ist: In vielen Verträgen kannst du die Rechte dann zurückfordern und mit dem Text noch einmal etwas Neues machen. In Deutschland gibt es nur wenige Agenturen, die Bilderbücher an Verlage vermitteln — es lohnt sich trotzdem, danach zu fragen. Ich kann dir hier keine Rechtsberatung geben, aber ich kann dir sagen: Lies deinen Vertrag genau, und wenn du unsicher bist, lass ihn dir von jemandem erklären, der sich auskennt.
Du möchtest ein Buch schreiben — nicht nur ein Bilderbuch, sondern überhaupt endlich anfangen? In meinem Kurs Leinen los begleite ich dich in sieben Tagen durch den ersten Schritt: loslegen, schreiben, deine Geschichte in Worte fassen.



