Antoinette Lühmann

Gute-Nacht-Geschichte selbst schreiben

Als mein Buch Mein kleines Buch von der Taufe bei Coppenrath erschien, schrieb mir eine Kollegin: „Warum tauft da ein Mann? Ich wünsche mir eine Frau als Pastorin.“

Ich verstand sie sofort. Der Verlag hatte sich für einen Pastor entschieden — damit das Buch auch für den katholischen Markt funktioniert. Eine nachvollziehbare Entscheidung. Und trotzdem: Diese Kollegin kam in diesem Buch nicht vor. Ihre Wirklichkeit nicht. Ihr Beruf nicht.

Mein erster Gedanke war: Dann schreib dir doch selbst eine Geschichte, in der eine Frau tauft. Damit du darin vorkommst.

Das klingt einfach. Und es ist tatsächlich einfach. Aber zuerst muss man verstehen, warum es überhaupt nötig ist.

Klassische Kinderbücher können nicht alle Kinder abbilden. Das ist keine Kritik — es ist eine strukturelle Unmöglichkeit. Ein Verlag, der für den Markt produziert, trifft Entscheidungen. Welche Figur ist die Hauptfigur? Welche Familie sitzt am Frühstückstisch? Wer bringt das Kind zu Bett?

Kinder mit Migrationshintergrund kommen vor in Kinderbüchern. Kinder im Rollstuhl kommen vor. Neurodivergente Kinder kommen vor. Kinder mit zwei Müttern kommen vor.

Aber meistens dann, wenn das das Thema des Buches ist.

Nicht in den Büchern übers Töpfchen. Nicht in den Büchern über den ersten Schultag. Nicht in denen übers Einschlafen, über den Umzug, über die Trennung der Eltern, über die Nacht bei Oma. In diesen alltäglichen Büchern, in denen Kinder sich einfach wiedererkennen sollen — da fehlen sie noch immer. Nicht als Randnotiz. Als Hauptfigur.

Da ändert sich seit einigen Jahren einiges. Die Kinderbücher werden diverser. Aber viele Lebensrealitäten sind noch immer nicht abgedeckt.

Deshalb greifen viele Autorinnen und Autoren und auch die Eltern zu einer anderen Lösung: Tiere. Ein Hase, der nicht schlafen kann. Ein Fuchs, der umzieht. Ein Bär, dessen Eltern sich trennen. Tiere als Platzhalter für alle Kinder — weil ein Tier niemanden ausschließt und gerade für kleinere Kinder eine gute Identifikationsfigur ist.

Das ist eine gute Lösung. Aber sie reicht nicht immer.

Dein Kind verdient eine Geschichte, in der es vorkommt. Nicht als Randmotiv. Als Heldin.

Wenn dein Kind nicht stillsitzen kann — dann ist das ein Teil seiner Geschichte, nicht ein Problem, das gelöst werden muss. Wenn es zwei Mütter hat, bei den Großeltern aufwächst, dann ist das sein Alltag und der sollte zu sehen sein. Wenn es eine traumatische Flucht hinter sich hat, eine Gewalterfahrung — dann prägt das seinen Alltag und es braucht vielleicht eine Geschichte, in der das Licht im Kinderzimmer niemals ausgeht. Eine Geschichte, die das kennt, die Realität abbildet und nicht wegschaut.

Du kannst das schreiben. Du kennst dein Kind. Du weißt, was es braucht.

Mach dein Kind zur Hauptfigur — oder lass ein Alter Ego für es sprechen, einen Menschen oder ein Tier in der gleichen Situation. Schreib die Geschichte, die deine Wirklichkeit abbildet. Damit dein Kind sich gesehen fühlt. Zugehörig. Normal — was auch immer das bedeutet, und wer auch immer das festlegt.

Als Autorin von mehr als zehn Büchern bei deutschen Verlagen — Bilderbücher, Abenteuerromane, Hörspiele — und als Mutter von vier Kindern auf Föhr weiß ich: Das Schreiben dieser Geschichte braucht etwas Grundwissen im Storytelling. Aber es braucht keine Perfektion.

Es braucht einen Anfang. Einen kleinen Weg. Und ein Ende, das gut ausgeht.

Eine besonders wirkungsvolle Form dafür ist die Gute-Nacht-Geschichte. Nicht weil sie wichtiger wäre als andere Geschichten — sondern weil der Abend ein besonderer Moment ist. Das Kind ist müde. Die Welt wird kleiner. Es sucht Geborgenheit, Vertrautheit, das Gefühl: Alles ist gut. Wenn genau in diesem Moment eine Geschichte kommt, in der es sich wiederfindet — dann bleibt das. Warum das Vorlesen am Abend so viel bewirkt, habe ich in diesem Artikel ausführlicher beschrieben.

Heute zeige ich dir, wie du die Gute-Nacht-Geschichte selber schreiben kannst — in 3 Schritten.

Schritt 1: Eine Hauptfigur und ein Ort

Jede Geschichte beginnt mit einer Frage: Wer ist hier?

Überlege dir, wer die Hauptfigur deiner Geschichte ist. Ein Tier, ein Kind, eine Fantasiefigur? Und wo beginnt die Geschichte — in einem Zauberwald, auf einer Blumenwiese, in einem gemütlichen Haus auf einer Insel?

Du musst das nicht alleine entscheiden. Frag dein Kind: „Wer soll heute in der Geschichte sein?“ Die Antworten sind meistens erstaunlich: ein sprechender Fuchs, eine mutige Prinzessin, ein kleiner Elefant, der auf Seifenblasen reitet.

Fragen, die helfen:

  • Wer oder was ist die Hauptfigur?
  • Was ist das Besondere an ihr? (Sie kann fliegen. Sie ist winzig klein. Sie liebt Abenteuer.)
  • Wo lebt sie?

Das ist alles, was du brauchst, um anzufangen. Ein Satz. Eine Figur. Einen Ort.

Schritt 2: Ein kleines Abenteuer

Jetzt passiert etwas.

Nicht viel — und bitte nicht zu aufregend, schließlich soll dein Kind gleich einschlafen. Aber irgendetwas Ungewöhnliches. Ein Problem, das gelöst werden will. Eine Frage, die eine Antwort sucht. Etwas, damit die Hauptfigur losgeht.

Fragen, die helfen:

  • Was erlebt deine Figur? (Eine Schatzsuche, ein verlorenes Spielzeug, ein neuer Freund, ein Stern, der verschwunden ist)
  • Was muss sie herausfinden oder überwinden?
  • Wen trifft sie unterwegs?

Halte es einfach. Gute-Nacht-Geschichten brauchen keine komplizierte Handlung. Sie brauchen Bewegung — und dann die Rückkehr zur Ruhe.

Schritt 3: Ein ruhiges, gutes Ende

Das Ende einer Gute-Nacht-Geschichte ist das Wichtigste.

Es darf nicht offen sein. Es darf nicht traurig sein. Es soll beruhigen — das Kind soll sich sicher fühlen, wenn es die Augen zumacht. Die Figur hat ihr kleines Abenteuer gemeistert. Alles ist gut. Die Welt ist in Ordnung.

Verwende sanfte Worte. Wiederholungen, die einen Rhythmus erzeugen. Bilder, die zum Einschlafen einladen: weiches Gras, warmes Licht, ein zufriedenes Lächeln.

Fragen, die helfen:

  • Wie löst deine Figur ihr Problem?
  • Was fühlt sie am Ende?
  • Welches Bild passt zum Einschlafen?

Deine erste Geschichte in 5 Minuten: Die Vorlage

Nimm ein Blatt Papier und beantworte diese vier Fragen:

  1. Wer ist die Hauptfigur? (z. B. ein neugieriger Fuchs)
  2. Wo spielt die Geschichte? (z. B. ein geheimnisvoller Wald bei Nacht)
  3. Was erlebt sie? (z. B. der Fuchs sucht ein verschwundenes Glühwürmchen)
  4. Wie endet es? (z. B. der Fuchs findet das Glühwürmchen — und beide schlafen unter dem Sternenhimmel ein)

Schreib die Antworten auf. Dann verbinde sie zu einer Geschichte. Lies sie laut vor — auch wenn sie noch holprig klingt. Das ist normal. Das ist der erste Entwurf. Du kannst alles noch ändern. Aber eine leere Seite kann man nicht überarbeiten. Deshalb ist es wichtig, dass du einfach anfängst!

Warum selbst geschriebene Geschichten etwas anderes sind

Kinderbücher aus dem Verlag sind wunderbar. Ich schreibe selbst welche — und ich liebe es, wenn Kinder mit meinen Büchern aufwachsen.

Aber eine Geschichte, die du selbst erzählst, kann etwas, das kein Verlagsbuch kann. Sie kennt dein Kind beim Namen. Sie weiß, dass das Licht niemals ausgeht, weil das so sein muss. Sie weiß, dass die Hauptfigur zwei Mütter hat, oder beim Opa aufwächst, oder sich manchmal einfach nicht beruhigen kann — und dass das kein Problem ist, das gelöst werden muss, sondern ein Teil von ihr.

Verlage treffen Entscheidungen für den Markt. Du triffst eine Entscheidung für ein einziges Kind. Das ist ein riesiger Unterschied. Du hast die Freiheit, deine Geschichte zu erzählen. Unabhängig davon, was “am Markt funktioniert”.

Manche Geschichten warten noch darauf, dass jemand sie schreibt. Vielleicht bist du genau die richtige Person dafür. Nicht weil du Autorin bist. Sondern weil du dein Kind kennst.

Du möchtest tiefer eintauchen?

In meinem Buch Schreibe eine Gute-Nacht-Geschichte (Story.one, 2025) zeige ich Schritt für Schritt, wie du aus diesen ersten Ideen eine vollständige, persönliche Geschichte entwickelst — auch wenn du noch nie etwas geschrieben hast.

Und in meinem Kurs begleite ich dich vier Wochen lang dabei, deine eigene Geschichte zu schreiben und zu erzählen.

Manchmal muss es einfach die richtige Geschichte sein. Und manchmal bist du die Einzige, die sie kennt.

Zum Kurs: Schreibe eine Gute-Nacht-Geschichte (Link einfügen)

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