Autobiografische Comics

Seit vielen Jahren frage ich mich, wie Kreativität funktioniert. Ich habe dazu schon viele Bücher gelesen. Außerdem fahre ich fast jedes Jahr auf eine der beiden deutschen Buchmessen. Dort sind unfassbar viele kreative Leute versammelt. Im Programm rund um die Messe kannst du viele Interviews anhören. Es ist für mich sehr inspirierend, anderen zuzuhören, wenn sie über ihre Kreativität und ihre Prozesse beim Zeichnen oder Schreiben reden.

Vor einiger Zeit bin ich bei meinen Recherchen zu täglichen Fingerübungen über die amerikanische Künstlerin Lynda Barry gestolpert. Sie schreibt sehr inspirierende Bücher und unterrichtet auch. Sie empfiehlt verschiedene Übungen, um die Kreativität zu schulen. Eine ihrer spannendsten Übungen sind die Zeichnungen, die sie ihre Schüler:innen über sich selbst machen lässt. Hast du schon einmal versucht, dich selbst zu zeichnen? Auch wenn du gar nicht zeichnen kannst?

Für mich war das eine große Herausforderung.

Draw yourself. Draw yourself as an astronaut in space.

Lynda Barry, Making Comics

Zeichnung von Antoinette Luehmann im Stil von Ivan Brunetti
Zeichne dich selbst im Stil von Ivan Brunetti

Aber es war sehr befreiend, Strichmenschen zeichnen zu dürfen und es einfach zu tun. Ohne mich zu fragen, ob es irgendwelchen Ansprüchen genügen kann. Deshalb habe ich bei einigen anderen Autor:innen nachgelesen und mir auch verschiedene Onlinekurse und Tutorials rund um autobiografische Comics angeschaut.

Was brauchst du für autobiografische Comics?

Du findest Themen für autobiografische Comics in deinem alltäglichen Leben. Auf der Arbeit, in der Beziehung, bei deinen Tieren, deinen Hobbies oder bei Reisen. Viele Künstler:innen bleiben bei kurzen Formaten mit vier Bildern, wie sie auch in Zeitungen abgedruckt werden oder wurden. Einige füllen ganze Bücher und erzählen lange ausführliche Ereignisse. Manche halten kleine Absurditäten des Alltags fest, andere machen Comics als würden sie ein Tagebuch schreiben und ihr Leben dokumentieren. Aber es gibt auch sehr dramatische autobiografische Comics über traumatische Erfahrungen. Die meisten Künstler:innen zeichnen sich selbst als Menschen.

Es ist eine spannende Entscheidung, ob du dich selbst zeichnest oder ob du dich lieber hinter einer Maske verstecken möchtest, indem du eine Figur erfindest. Sie erlebt dann an deiner Stelle im Comic die Geschichten.

Geschichten werden in Comics durch Worte und Bilder erzählt. Lynda Barry schreibt in ihrem Buch „Making Comics“, dass Schreiben und Zeichnen für uns früher nicht getrennt waren.

Before writing and drawing were seperated, they were conjoined.

Lynda Barry, Making Comics

Kannst du zeichnen? Ich nicht.

Wichtig ist für das Zeichnen von Comics: es reichen Strichmenschen. Aufwendige Zeichnungen sind schwer zu erstellen (vor allem zeitaufwendig) und schwer zu lesen, weil so viel ablenkende Details zu sehen sind, die die Geschichte nicht voran treiben.

Beim Comic wird etwas sehr Komplexes (ein Objekt, ein Mensch oder eine Szene) mit vielen Details vereinfacht. So bleibt die Idee des Objektes. Sie ist als Bild schnell zu lesen und steht für das komplexe Objekt. Oft wird dieser Gedanke auch „Kondensieren“ genannt.

Autobiografische Comics mit Hase von Antoinette Luehmann

Schreiben

Mit dem Schreiben beschäftige ich mich schon seit Jahrzehnten. Trotzdem gibt es immer wieder etwas Neues zu lernen.

Die Texte müssen beim Comic in Sprechblasen passen und in einem ausgewogenen Verhältnis zum Bild stehen.

Beim Gestalten des Comics sollen sich Bild und Text dann ergänzen. Der Text soll nicht das erzählen, was auf dem Bild zu sehen ist. Es gibt also bei jedem Bild die Entscheidung zu treffen: Was erzählt der Text? Was erzählt das Bild?

Es ist kein Platz für Geschwätzigkeit und langatmige Beschreibungen. Ich denke, es ist eine gute Fingerübung, um auf den Punkt zu kommen.

Aller Anfang ist schwer

Um überhaupt erst einmal mit dem autobiografischen Zeichnen anzufangen, empfiehlt der Comicautor Alec Longstreth folgende Übung: erzähle 2 Minuten über dich selbst, als würdest du dich auf einer Party jemandem vorstellen. Vielleicht redest du darüber, wo du herkommst, was du beruflich machst, was du für Hobbies hast. Entscheide frei, was du erzählen möchtest. Nimm dein Sprechen mit dem Voicerekorder deines Handys auf. Beim iPhone oder ipad ist das die App Sprachmemos, bei Android Diktiergerät. Einfach auf den roten Knopf drücken und losquatschen. Danach ein Blatt Papier nehmen und beim Anhören des Gesprochenen kleine Zeichnungen machen. Du kannst das Abspielen jederzeit unterbrechen, wenn du darüber nachdenken möchtest, wie du etwas darstellst. Zeichne eine Seite voll. Am besten einen Schmierzettel.

Im nächsten Schritt kannst du nun von der Brainstroming Phase (Aufnehmen und Bilder dazu kritzeln) zu der Phase des Ordnens und Sortierens übergehen. Welche Bilder findest du wichtig und gut zu lesen? Was kannst du weglassen? Unter welchen Überschriften kannst du verschiedene Bilder zusammenfassen? Wo ist der rote Faden? Du kannst deine Zeichnungen auch auseinander schneiden und hin und her schieben.

Thumbnail für das erste Panel. Sieht peinlich aus? Das muss so 😉

3 Schritte: Thumbnails, Skizze, Inking

Es gibt drei Phasen im Prozess des Comic Zeichnens. Die erste Phase sind die Thumbnails. Vage Kritzeleien, um das Bild einzuteilen. Dabei deutest du an, was im Vordergrund und was im Hintergrund zu sehen sein wird. Außerdem verteilst du den Text auf die einzelnen Panels (so heißen die einzelnen Bilder).

Dann machst du im zweiten Schritt eine ausführliche Skizze. Ich zeichne also mich selbst etwas deutlicher. Wie sehe ich als Comicfigur aus? Wie sehen die Häuser im Hintergrund aus?

Der dritte Schritt ist dann das Inking. Die Bleistiftzeichnung wird mit Tusche nachgemalt. Diese drei Schritte werden auch beim digitalen Zeichnen empfohlen.

„Draw Comics every day“

Ich würde diesen Comic gerne zeichnen. Die Übung hat mir Spaß gemacht. Den Schritt der Thumbnails mag ich auch. Sie sehen so schön wild und unordentlich aus. Aber danach wird es schwieriger. Denn das, was ich in meinem Kopf sehe, kann ich nicht auf das Papier bringen. Dafür fehlen mir noch ein paar Jahre Übung.

Da hilft nur eins. Üben. Üben. Üben.

Alec Longstreth zeichnet übrigens jeden Tag an seinem Comic. Es gehört zu seiner Routine, am frühen Morgen noch vor der „normalen“ Arbeit 1-2 Stunden an seinem Zeichentisch zu sitzen. Er hat es sich fest vorgenommen. Draw Comic every day. Die Abkürzung dafür (DCED) hat er sich sogar in die Innenseite seines Eherings eingraviert.

Manchmal wünschte ich, ich würde mich auch nur für ein kreatives Gebiet begeistern. Aber ich möchte früh am Morgen am liebsten alles gleichzeitig. An einem Roman schreiben, zeichnen, Comics machen, Lieder schreiben, Gitarre und Ukulele üben und tausend andere Dinge.

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